MOGADISHU-MERKA-KISMAYO

Mittwoch 22 Juli
Die Strasse von Mogadishu nach Merka ist eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern mit unterschiedlichem Durchmesser und Tiefgang. Ein Teil davon verdient die Bezeichnung Krater. Schon hundert Meter nach der überraschend planmässigen Abfahrt nahe der Kathedrale der Sadt, hält das Fahrzeug bei laufendem Motor und der Fahrer verschwindet für geraume Zeit hinter den Toren eines italienischen Schwesternordens. Weiter geht die Fahrt in der Prachtstrasse Maka al Mukarama, vorbei an diversen Heldendenkmälern und Arbeitermahnmalen, jedoch ohne Mahnmalwasser wie in einem Sketch von Karl Valentin und durch den Arc de Triompho Populare, der aussieht wie eine Mautstelle im Ostblock. Plötzlich verlässt der Fahrer diese Route und biegt ab in seine Heimatgemeinde, dort wo seine Freundin wohnt oder seine Grosseltern. Vielleicht hat er auch bloss seine Geldbörse oder die Autopapiere vergessen. Der LKW fährt ohne Ladung. Zwei leere Kraftstofffässer geistern zwischen den Bordwänden hin und her. Diesel ist gerade oder immer rar. Die Tankstellen der Firma Sompet, es gibt nur diesen Anbieter, sind leergezapft. Treibstoff gibt es nur am Schwarzmarkt. Wir brausen durch Afgoi, der Fahrer fährt viel zu schnell, auch nachdem wir uns darüber beschweren. Wenn eine Rinderherde die Strasse quert, rast er auf die Tiere zu und hupt und hupt. Anstatt stehenzubleiben und zu warten, fährt er mitten in die Herde hinein.

Vorbei an Maisfeldern, einer Bananenplantage, kleinen Teichen, Tümpeln und Nassfeldern rasen wir an entgegenkommenden, immer mit vielen Passagieren besetzten, beladenen LKW's vorbei. An den Bordwänden hängen die Milchbehälter der Nomaden. Schwarze, birnenförmige Holzgefässe in einem groben Korb aus Ästen und Lederriemen. Hin und wieder sieht man jemand sich waschen in einem dieser seichten Tümpel. Der Zustand der Strasse verschlechtert sich derart, dass der Fahrer es vorzieht, parallel im Gelände eine eigene Route zu suchen. Eine Zeit lang fährt auf gleicher Höhe ein Bus. Da er auf der offiziellen Strasse fährt, verlieren wir ihn bald aus den Augen. Vielleicht ist er in einem Schlagloch verschwunden. Einmal sehen wir einen im Morast versunkenen LKW. Zum Glück sind wir da gerade auf der offiziellen Strasse unterwegs.
Ankunft in der ehemals herrlichen Bungalowsiedlung Shasoma Beach, offiziell Nasashada Shaqaalaha 'Sanbuusi' südlich von Merka. Wir sind einigermassen begeistert bis entgeistert über den kaputten, abgewirtschafteten, desolaten Zustand der Anlage.
Wir sind die einzigen Gäste. Der Hüttenzauber umfasst gut ein Dutzend Somali-Style Mungus, jedoch mit einem Vorbau, einer Art überdachter Terrasse. Weiters befindet sich in dem Resort ein vergleichsweise riesiges Gebäude, welches restaurant, reception und management beherbergt. Gleich daneben steht ein längliches Gebäude, das eine Reihe von Zimmern und eine Terrasse zum Meer hin aufweist. Zwischen den Gebäuden sind mit grosser Sorgfalt eine beträchtliche Anzahl von Fächerpalmen angepflanzt. Ein Stück erhöht, liegt der Parkplatz grosszügig brach. Über der Strasse steigt das Gelände mässig an, auf den Hügeln thronen weitere Mungus. Sehr nett ausgeführte sozialistische Architektur. Jetzt einigermassen darniederliegend. Die Dächer der Mungus, im besonderen die Vordächer, sind vielfach bereits ohne Palmblätter. Die Spülkästen der water closets sind ohne Wasser, weil die Pumpe längst nichts mehr in den halbverfallenen Turm pumpen kann. Wahrscheinich hat die Pumpe jemand demontiert oder sie ist kaputt und ausserdem fliesst kein elektrischer Strom durch die vorhandenen Leitungen. Das dazugehörige Generatorhaus, Allah sei Dank, ist ebenfalls ausser Betrieb. Der Generator entweder demontiert oder kaputt und ganz sicher ohne Treibstoff. Zum Glück bleiben wir von dem Motorenlärm verschont.
Die grossen Gebäude sind alle komplett dicht, die Fenster verschlagen. Der Rezeptionist haust in einem Verschlag nahe dem Parkplatze und übt sich in Geschäftsgeist. Für eine Thermoskanne Tee will er mir unverfroren 80 Sh abnehmen.

Unser Vorbau ist mit zwei Somali Betten ausgerüstet. Von einem Somali Bett sieht man bloss vier runde, verzierte Füsse und ein straff gespanntes Fell. Der Wind weht. Franzis und Heide liegen in der Hütte auf durchhängenden Konstruktionen, Holzrahmen mit darauf gespannten Gummibändern, aus Schläuchen von Autoreifen geschnitten. Immer noch besser oder schlechter als die Stahlrohrbetten mit Eisendrahtgeflecht.
Weitere Gäste beziehen eine Hütte in der Nachbarschaft und nehmen uns mit nach Merka. Besuchen den Markt. Es gibt FischSambusas, das sind dreieckige, mit Fisch gefüllte Teigtascherl, in Öl knusprig gebacken und scharf gewürzt. Weiters finden wir Maiskolben, Grapefruit, Limonen fünfeckige Bananen und kleine wie Mangos aussehende Früchte, orangerot, ziemlich fest, wild fruchtig schmeckend und mit einem stacheligen Kern.
Nachmittag. Am Strand ist jemand zu sehen und in unserer Nähe sind wieder Gäste in einen Mungu eingezogen. Vielleicht sind sie mit einem guten Wagen unterwegs und können uns mitnehmen.
Die Sterne funkeln, das Meer rauscht ungestört von menschlichen Aktivitäten. Es strömt der Duft der dicht vor mir stehenden Petroleumlampe in meine Nase. Eine angenehm kühle Prise Schnupftabak, Meeresbrise weht durch das zerfetzte Palmblätterdach.
Mittlerweile ist es stockfinster. Ab und zu verdächtige Geräusche im Dach. Knistern und knabbern.


Donnerstag 23 Juli
Ebbe am frühen Morgen. Eine Gruppe von Frauen kommt an den Strand. In einer kleinen Bucht wird seaweed angeschwemmt, das sie zusammensammeln und zu riesigen Bündeln schnüren. Schwerbeladen und utopisch anzusehn verlassen sie als Prozession wieder den Strand. Einige Personen gehen am Ufer entlang. Vielleicht halten sie Ausschau nach Strandgut. Ein Krabbenfänger ist schon da. Er gräbt behende und zielsicher den Krabbengang nach und fängt das kleine Tierchen. Junge Muschelsammler und Fischer finden sich ein. Gegen Norden in Richtung Merka, gleich anschliessend an den Hüttenzauber, liegt eine kleine Bucht, in die der Wind seaweed treibt. Bei Ebbe sind meterdicke Schichten zu sehen. Daran anschliessend führt eine Korallenbank ins Meer hinaus. Wir spazieren darauf weit hinaus.
Gehen dann in das kleine Dorf El Giale, an der Strasse nach Shalanbod und Merka, auf der Suche nach etwas Essbarem. Viel finden wir dort nicht. Ungeniessbar süssen Tee, Brot, italienische Ölsardinen, die wir aber auf Grund der Absurdität nicht kaufen, und eine ölige, süsse, gallertartige Substanz, die wir einst in Nairobi schon angekauft und dann weggeschmissen haben. Zum Glück erfragen wir irgendwie noch Canjeelos, diese dünnen, sauren Fladen. Sie werden uns mit Butteröl angeboten. Eine Frau ist gerade mit der Herstellung desselben beschäftigt. Das charakteristische Milchgefäss aus dunklem Holz wird dabei immer wieder über ein angebundenes Rundholz gekippt. So entsteht Butter. Da es aber so heiß ist, kann sie nur als Öl aufbewahrt werden.


Wir werden mit frischen Kokosnüssen und Papayas beschenkt. Auch Trinkwasser aus Saudi Arabien ist dabei. Nissah, natural potable water from Wadi Nissah, sterilized by ozone and bottled with the approval of the ministry of health. Licence No. 92 Dated 27/7/1393H Granted by the Ministry of Industry and Electricity to Health and Water Bottling Co. in Ryad, Saudi Arabia. Das aber ist nicht alles. Eine andere Flasche berichtet folgendes: a superb blend of the rarest old malt and grain whiskies matured in seasoned oak casks. Scotch Reserve, old scotch whisky. Distilled and blended in Scotland. Montrosa whisky comp. LTD.
Auch zum Essen werden wir eingeladen. Vorspeise Spaghetti, main course fangfrische Exemplare von hier heimischen Fischen. Der Gastgeber und edle Spender ist einer der Gäste dieses ungewöhnlichen Resorts. Sein spezielles Anliegen ist: feel at home. Er scheint ein einflussreicher und vermögender Mann zu sein.
Franzis schläft nicht zu Mittag. Das müssen wir jetzt ausbaden. Sie belagert uns und erlaubt sich einen Fehlgriff nach dem anderen. Von Langeweile getrieben, hält sie nach günstigen Gelegenheiten Ausschau. Ein Kunststoffbehälter, der unsere gesamten Salzvorräte beinhaltet, sticht ihr ins Auge. Aus dem Augenwinkel heraus, erahne ich ihre Absicht und kann das vorhersehbare verhindern. Derweil ich das Behältnis im Gepäck verstecke, dringt mir der Geruch frisch verschütteten Petroleums in die Nase. Wenigstens der Lampentubus ist nicht zu Bruch gegangen. Das geht so dahin in einem fort an diesem Ort, wo ich unter anderem auch an den zu Ende gehenden Sommer im Mühlviertel denken muss.


Freitag 24 Juli
Abdi, der Agronom, der zusammen mit seiner Frau eine benachbarte Hütte bewohnt, lädt uns zu einem Ausflug auf eine Bananenplantage ein. Letztendlich kommt es aber nicht dazu, weil er das Auto an Freunde verborgt, die nicht rechtzeitig zurück kommen. Eine Zeit lang warten wir, dann aber gehen wir zum Strand. Franzis will ins Wasser. Eine Menge Menschen ist heute am Strand, denn Freitag ist wie Sonntag bei den Katholen. Darunter ein Trupp junger Männer, die den Militärdienst hier in der Nähe des Dorfes El Giale ableisten. Etwas entfernt befindet sich eine eher untypische Gebäudegruppe, sichtlich geeignet für militärische Zwecke.
In dem Dorf gibt es einen nicht zu übersehenden Brunnen. Ob er noch benutzt wird ist fraglich. Der Querschnitt misst mindestens zwei Meter. Einige Meter hinunter ist er mit Steinen ausgelegt, dem hier anzutreffenden Sedimentgestein. Ab einer gewissen Tiefe aber ist er direkt durch eine Schicht dieses Gesteins gemeisselt, die mehrere Meter dick ist. Darunter scheint wieder weniger hartes Material vorzukommen. Der Wasserspiegel ist gering, der Brunnen wohl versandet. An der Wasseroberfläche treiben kaputte Kunststoffsandalen, Kunststoffflaschen und Kunststofftaschen. Am Brunnenrand im Schatten der hohen Aufbauten sitzen Männer und harren der Dinge. Es wird sicher keinem jemals in den Sinn kommen, den Brunnen nachzugraben, Wasser herauszuholen und einen kleinen Gemüsegarten anzulegen. Lieber herumsitzen und lauern, vor allem den Automobilverkehr im Auge behalten.
Ein Landrover mit Reisenden aus Deutschland kommt in das Sanbuusi Beach resort. Eine Familie mit zwei Kindern und eine Frau, die mit ihrem Mann in Mogadisho lebt mit ihrem Sohn, weiters Mohammed ein Somali, der deutsch spricht und in Deutschland studiert oder studiert hat.
Sie nehmen uns mit auf einen Ausflug nach Merka. Der Himmel ist kurze Zeit bedeckt mit dunklen Wolken, ein paar Kilometer weiter fällt nicht ein Tropfen Regen. Nach einem gemeinsamen Essen machen wir einen Streifzug durch den Ort. Als grosse Gruppe auffällig und leicht als Fremde erkenntlich durch sommerliche, westliche Kleidung und Cameras, üben wir eine magnetische Anziehung auf Kinder aus, die sich in Scharen um uns sammeln und begleiten bis verfolgen. Da Mohammed mit uns unterwegs ist, ergibt sich daraus vorerst kein Problem. Nach einiger Zeit aber gesellt sich ein selbsternannter Führer zu uns, der uns nicht nur den Weg über Seitengassen zum Meer zeigen will, sondern auch die Kinder ständig zu verjagen beginnt. Dies ist nicht unbedingt notwendig, da sich immer wieder ältere Erwachsene bereitfinden, die Kinder zurückzuhalten. Wie wir nun durch die engen Gassen gehen, strömen immer mehr Kinder zusammen. Die Nachricht von unserer Anwesenheit verbreitet sich offenbar sehr schnell und weit. Als wir den Strand erreichen, schwärmen die Kinder aus, die Situation wird unüberschaubar. Der Führer verhält sich besonders geistreich. Er attackiert einige Jugendliche tätlich oder ist im Begriff es zu tun und wirft mit herumliegenden Ruinen von Kunststoffsandalen nach ihnen. Das ist besonders verhängnisvoll, denn der nächste Griff erfolgt zum Stein, sei es aus Ermangelung an Kunststoff oder aus anderem Grund. Jedenfalls greifen dann auch einige Kinder zum Stein. Zum Glück bleibt es aber dabei. Viel fehlt aber möglicherweise nicht, diese heikle Balance zum Kippen zu bringen.
Der Strand erweist sich als eine grauenhafte Müllhalde. Weitläufig verstreut liegen Ruinen von Kunststoffsandalen, Glasscherben, Knochen in allen Grössen, ganze Kamel Gebisse, zum Teil völlig ausgeblichen oder noch weit davon entfernt. Halbverweste Tierkadaver und Schlachtabfälle verbreiten einen bestialischen Geruch. Spätestens jetzt wird uns klar, was der Strand in diesen Breiten für eine Bedeutung hat und wir suchen eiligst das Weite. Wir besuchen noch kurz den Markt und fahren wieder ab. Etwas ausserhalb des Ortes besuchen unsere Bekannten expatriates aus Holland. Die Familie ist gerade im Begriff, einen am Mittagstisch oder zum Abendmahl bereitstehenden Lobster zu verspeisen. Wir staunen über das grossartige Haus. Riesige Räume, eine Terrasse mit grandiosem Ausblick auf das Meer. Die Inneneinrichtung sorgfältig gearbeitet.
Tosende Brandung, Sternenhimmel, kühle Brise auf der Terrasse unserer Hütte. Der grosse Wagen liegt ganz flach am Horizont und das nur kurz. Der Geruch der Petroleumlampe raubt mit die Sinne.


Samstag 25 Juli
Früher Morgen. Die Wassermassen gehen gerade zurück. Das Riff aber Richtung Merka ist noch nicht zu sehen. Der Wind bläst von südwest.
Franzis steht auf und geht gleich zu den Kindern der deutschen Familie. Offenbar schlafen sie aber noch. Die beiden Buben heissen Jan und Felix. Vor mir liegen vier getigerte Muscheln unterschiedlicher Grösse, die uns Abdi's Freundin geschenkt hat. Leider werde ich sie nicht mitnehmen können denn ein weiterer Sherpa ist nicht in Sicht. Immerhin kann ich hier die Lederjacke schon anziehen und zwei Nächte habe ich bereits im Schlafsack verbracht. Viel geschlafen wohl nicht, der Wind bläst so stark, das Somali Bett ist zu kurz und sehr hart, der Schlafsack zu eng.
Liegen am Strand bei Ebbe und tummeln uns im ruhigen, klaren Wasser des Indischen Ozeans. Tümmler hingegen sind Meeresbewohner, die sich etwa so bewegen wie Schimpansen in den Kronen von Kokospalmen.
Ich hole eine Krabbe aus ihrem Loch, indem ich den Krabbengang nachgrabe. Eine reife Leistung.
Fischer sind am Strand. Mit einem etwa zehn Meter langen Netz waten sie durch das seichte Wasser und treiben die Fische vor sich her. In der Nähe des Ufers bilden sie einen Kreis. Einige Fische aber entkommen. Sie schlüpfen wie fliegende Fische aus dem Wasser und überspringen das Netz.
Von einem vorübergehenden Fischer kaufen wir drei verschiedene Fische. Einen rötlichen, rundlichen, schuppigen, einen grünlichgelben und einen flachen ohne Schuppen, grau und mit Stacheln am Rücken. Ein junger Koch lässt die drei Fische in einer zerbeulten Bratpfanne bruzzeln und serviert sie uns mit Reis. Die Fische sind vorzüglich und unterschiedlich. Der Schuppenlose ist fest und trocken, die beiden anderen zart, der rote insgesamt am besten.

 

Machen am Strand Bekanntschaft mit einem italienischen Paar. Marisa arbeitet für das Italian Medical Team in Belet Weyn, Maurizio ist zu Besuch. Er ist von Beruf Fotograf. Sie sind mit dem Bus angekommen und beabsichtigen nach Kismayo und nach Kenya zu reisen. Angeblich gibt es eine Bootsverbindung zwischen Kismayo und Lamu in Kenya.
Komme am Strand mit einer Frau aus Deutschland ins Gespräch. Zusammen mit ihren Töchtern besucht sie gerade ihren Mann, der hier geschäftlich zu tun hat. Er segelt gerade mit einem Surfbrett draussen am Meer hin und her. Sie selbst geht sicher nicht ins Wasser, wegen der Haie. Die zwei Töchter liegen sichtlich geschockt von diesem Urlaub oder völlig unbeeindruckt davon im Sand. Der surfende Vater ist mittleren Alters. Sehr gut kommen seine Auflockerungsübungen an bevor er das Brett ins Wasser schiebt. Da muss sogar seine Tochter schmunzeln. Zack, zack, wie beim Militaire. Das KFZ des Geschäftsmannes ist ein Mercedes 4WD. Auf den Türen steht geschrieben: Weidleplan Consulting Company.

Am Abend spazieren wir wieder in das Kaff El Giale an der Hauptstrasse. Aber es gibt nichts zu essen dort. Der Tee ist ungeniessbar süss. Kaufen wir Brot oder Sambusas, rennen uns alle Kinder nach und auch Jugendliche und junge Frauen und betteln. Angefangen von Bakschisch bis zu den gekauften Sambusas wollen sie alles haben.

Wieder bläst ein starker Wind. Vielleicht sollte ich prophylaktisch einen Schluck aus Abdi's zurückgelassener Whiskyflasche nehmen. Dieses Resort ist tatsächlich ein entlegener Platz. Es gibt keinen Strom, die Wasserleitung funktioniert nicht, die nächste Strasse von Bedeutung ist kilometer weit entfernt, kein Schiff fährt hier vorbei und Flugroute streift auch keine dieses Fleckchen.
Die Besatzung eines Landrovers, Beamte des Landwirtschaftsministeriums, bietet uns eine Fahrt nach Merka an, um dort in einem Restaurant zu essen. Leider ist es für Franzis schon zu spät.
Dunkelheit. Franzis und Heide schlafen schon im Inneren der Hütte. Auf der Terrasse flackert die mir bereits ans Herz gewachsene Petroleumlampe. Ein Schweizer Offiziersmesser dient als Papierbeschwerer, weil doch die permanente Brise überall dran ist und jedes Blatt Papier zu lüften versucht.


Sonntag 26 Juli
Kaufe wieder am Strand ein paar Fische und suche alsbald in den Räumlichkeiten des Managements nach einem Koch. Finde aber bloss den Mann, der ständig Geld von uns kassieren will. Er holt die zerbeulte Bratpfanne hervor, in der sich noch die Reste eines Huhngerichtes befinden, die er hilfsbereit in ein anderes Behältnis verfrachtet. In Ermangelung eines Koches werden die Fische von mir selbst zubereitet, weisen aber ziemliche Mängel auf. Wahrscheinlich ist mein Holzkohlenfeuer nicht stark genug, die Fische werden nicht knusprig, ganz im Gegenteil, sie zerfallen und sind schliesslich völlig ohne Facon. Wie kann das nur passieren? In Ermangelung eines weiteren Kochtopfes wärmen der dubiose Manager und ich die dazugehörigen Spaghetti in der zerbeulten Pfanne mit den Fischen, verabsäumen jedoch, vorher das Fett abzugiessen. Die Nudeln sind dann jedenfalls sehr ölig.

Eine Türe steht sperrangelweit offen. Der Wind bläst heftig, das Schloss ist längst demontiert, so hält die Türe bis zu einer gewissen Windstärke, die aber meist überschritten wird. Ein trockener Wasserhahn ist zu sehen, ein leerer blauer Wasserbehälter. Wann wird der endlich wieder aufgefüllt von dem nachlässigen Hotelpersonal. Auf einem Sims rostet eine arabisch beschriftete AluDose. Auf dem Tisch befindet sich eine leere Thermoskanne, eine Grapefruit, Salz aus Ios, Cyclades, in Cellophan, ein Glas mit klarem Kokossaft und ein grosser, ovaler, leicht lädierter Emailteller mit den Resten des heutigen Fischgerichtes.

Wir verbringen einige Zeit am Strand, liegen im Sand und tümpeln im seichten Wasser. Das Wasser ist besonders klar und warm. Die kleinen Krebse schauen mit ihren Stielaugen aus den Löchern und huschen im Sand hin und her. Franzis ist begeistert. Sie geht mit einem Schwimmreifen ins Wasser und strampelt freudig und ausdauernd. Der Wind aber weht heftig und der feine Sand strahlt unseren Sonnenbrand.
Das Strandleben macht hungrig und müde. Was aber dann?
Nur ein Mann kommt an den Strand, offenbar auch ein Ausländer, am hellen Teint erkennbar. Ein kräftiger, junger Typ, kurzgeschorener Kopf, winziger Zopf. Er geht bei Flut ein Stück ins Wasser und rennt dann wieder heraus. Mehrmals. Wie einer der sieben Jahre durch die Wüste irrt und sich unglaublich freut, wie er das Meer erreicht. Seine Begleiter, zwei Inder und ein Somali, bleiben in einem respektablen Abstand zurück und beobachten sein Treiben.
Das Meer erreicht am Nachmittag wieder den Strand und vermengt sich mit dem dort liegenden seaweed zu einer braunen Brühe.
Franzis macht mich auf einen türkisfarbenen Vogel aufmerksam, der vor dem Haus im Sand sitzt und dann auf einen Draht der ehemaligen Stromleitung fliegt.
Sehe den Hotelmanager an einem Bündel Mirá herumnesteln. Als er mich bemerkt, versucht er, es mit einem Stück Textil möglichst beiläuffig zu tarnen. Steuere aber zielstrebig auf das eingewickelte Geheimnis zu und frage nach der Herkunft. Vorerst stellt er sich unwissend


Montag 27 Juli
Heute morgen sehr früh auf. Auch der Hotelmanager ist bereits auf und treibt sich auf dem Areal herum. Wahrscheinlich hat er das ganze Mirá gekaut und dann nicht schlafen können.
Nachmittag. Mohammed der windige Hotelangestellte harrt bei einem jungen Fischer aus, der vom Strand aus seine Angelschnur mit einem Senkblei ins Meer hinaus wirft. Zwei Fische hat er schon gefangen. Hoffentlich werden dieselben uns zum Abendessen serviert. Wenn wir einen dieser traditionellen Tontöpfe hätten, darin die Holzkohle glüht, und einen Sack voll ebenderselben, und auch ein zwei Töpfe, so könnten wir endlich selbst kochen. Wenn ich anstelle meiner Lederjacke Taucherbrille, Schnorchel, Flossen und Harpune mitgenommen hätte....
Die Küche im headquarter der Hotelleitung ist meist nur schwach besetzt und die Vorräte werden offenbar von den sich dort herumtreibenden, dubiosen Personen aufgezehrt.
Mohammed, der undurchsichtige, stets nach Whisky fragende Hotelangestellte kommt mit den Fischen angetanzt und will dafür 250 Sh kassieren. Gehe jedoch selbst zu dem Fischer an den Strand und erspare mir dadurch 50 Sh dieser wertlosen Piepen. Sodann ist es höchste Zeit, die Fische auszunehmen und zu schuppen. Die Dunkelheit ist im Begriff ihren Mantel über unsere Aktivitäten zu breiten. Wir erledigen das notwendige, die Abfälle vertrage ich wieder nicht weit genug ins Gelände, der nächtliche Besuch unliebsamer Kreaturen wird uns somit nicht erspart bleiben. Sodann mache ich mich auf in die administration und präsentiere die Fische. Der junge Koch, der unlängst die schuppigen Meeretiere hervoragend zubereitet hat, gibt vor, keine Zeit zu haben, weil er nach Merka aufbrechen will oder zumindest in das nahegelegene Dorf El Giale, dort wo sich der riesige Brunnen befindet, der aber komplett versandet und voller Unrat ist. Da bleibt nahe diesem zugenagelten ehemaligen Sanbuusi Beach Hotel ein Fahrzeug stehen. Es erscheint der Mann, der die Raubkatze mimt.
Zwei Frauen aus Belgien kommen an. In einem Landrover mit Fahrer, Mohammed mit Namen, und einem weiteren Mann, auch namens Mohammed, der bereits zehn Jahre in Belgien lebt. Wir unterhalten uns ganz angeregt, derweil das Management die Fische doch noch zubereiten lässt. Franzis liegt bis spät in die Nacht schlafend auf mir herum, bis mir das Kreuz aus dem Leim geht. Die neuen Gäste trinken einige Biere, welche der Katzenimitator Hassan aus seiner Kühlbox herauszaubert. In Folge taucht auch noch der obskure Hotelmanager auf, in seriösem doppelreihigen Kaunda Suite, benannt nach dem Präsidenten Sambias, eines der dämlichsten Kleidungsstücke überhaupt. Im Schnitt wie eine Uniform wird es meist von besonders loyalen Zeitgenossen und Bürokraten getragen. Der Mann ist in mürrischer Stimmung und beginnt in unserer Nähe herumzuhantieren. Er macht Feuer, Holzkohle aber ist keine da, was verheizt er also? Jedenfalls kocht er sich zwei Flaschen Milch weich.

Nächtlicher Besuch. Im Schein der Taschenlampe sehe ich die Ratte die Wand hochlaufen und durch ein Loch in der Decke, die bloss aus verspanntem grobem Kunststoffgeflecht besteht, verschwinden.

 


Dienstag 28 Juli
Packen unsere Habseligkeiten zusammen, warum weiss keiner, wo wir doch erst gestern jede Menge eingekauft haben wie Maiskörner, die wir gleich am Markt mahlen lassen haben, Maiskolben, Kokosnuss, Paprika, winzige Tomaten, fürchterliche Pfefferoni, unbekannte wild schmeckende Früchte, diejenigen mit dem stacheligen Kern, Bananen, Limonen, Zwiebel und einiges mehr.

 

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