TRAVELING IN RUSSIA
KIEV


Mittwoch 10. Mai 1995
Beginn der Reise? 12.07 Uhr im Expreß Bela Bartok. Vollklimatisiert. Keine Chance, ein Fenster zu öffnen. In der Ebene Richtung St. Pölten leuchten die Rapsfelder, zu Hause welken gerade die letzten Schlüsselblumen. Sitze im Abteil mit einem Mann, der hin und wieder aus einer kunstoffsackerlumhüllten Rumflasche einen Schluck macht. Der Mann ist stark parfümiert und nimmt dann einen Walkman in Betrieb. Gehe in den Speisewagen.
Sonntag 14. Mai 1995
Aufbruch bei saukaltem Regenwetter. Der O-Wagen in der Invalidenstrasse taucht ewig nicht auf. Wir disponieren um und eilen zur Schnellbahn. Endlose Gänge. Steigen in die falsche Garnitur nach Wolfsthal ein. Umsteigen am Rennweg. Eine Fahrkarte nach Kosice kostet 460.- , nach Kiev 1204.- ÖS. Wir kaufen bis zur Grenze.
9.20 Uhr im Bahnhof Bratislava. Einige Zigeunerinnen mit Kleinkindern betteln mich an. Ein Kind mit viel zu großer roter Lederjacke ist besonders hartnäckig und greift auch immer wieder auf meine Jacke. Der Warteraum im ersten Stock, großzügig rundumverglast, bietet Aussicht auf Wind und Wetter.

 


Dienstag 16. Mai 1995
Kosice. Um 4.00 Uhr auf und zum Bahnhof. Zum Glück ist das Hotel Europa nur ein paar hundert Meter vom Bahnhof entfernt. Der Zug liegt schon am Bahnsteig. Düstere russische Garnituren, bummfest verschlossen. Ein Schaffner steht in einer Tür, palavert aber bloß bescheuert mit uns. Als ob nicht klar wäre, was wir hier um 4.50 Uhr früh mit Gepäck wohl wollen. Der Mann schickt uns ans Ende des Zuges, wo wir einen versprengten Fahrgast treffen, der mit verschiedenen Schlüsseln einen Waggon aufzusperren versucht. Laufen dann wieder bis an den Anfang des Zuges und es gelingt uns, in einen Gepäckwagen einzusteigen. Landen schließlich über Intervention des erwähnten Passagiers in einem Compartment eines tschechischen Schlafwagens. Der Schaffner hat nur ein müdes Lächeln für die Ukraine übrig.
18.40 Uhr. Gondeln jetzt mit einer Diesellok durch die Gegend. Wahrscheinlich schon seit Lwow. Letzter Halt war Ternopol. Die Fahrt durch die Karpaten führt über Dutzende Brücken bis in die Höhe der Fichtenvegetation. Holzhäuser. Späte Gegend. Hier blühen noch Schlüsselblumen. Kaum Verkehr, auch nicht in der Ebene. Einheimische auf kleinen Äckern mit Harken. Ältere Leute mit einer Kuh an der Leine. Pferdefuhrwerke. Jede Menge desolates Zeug liegt im Gelände. Kunststoffruinen in den Gebüschen am Fluss. Zwischendurch landwirschaftliche Flächen in irrsinnigen Dimensionen. Rinderherden. Betonplatten, Kräne, abgewrackte Raupenfahrzeuge. Industrieruinen. Die Bahnhöfe mit unglaublich langen Bahnsteigen. Voller Leute. Im tschechischen Schlafwagen reisen wir noch ziemlich exklusiv. Einige russische Athleten stehen im Gang herum, ohne Leiberl, um ihren Körperbau vorzuzeigen. An der Grenze das Schauspiel mit dem Auswechseln der Achsen. Die Fahrgestelle werden von mechanischen Winden ausgehoben und die Achsen händisch abgerollt. Bei der Paß- und Zollkontrolle uninformierter Massenauflauf. Wachturm. Hundeführer. Elektrisch geladener Zaun? Filme die Einfahrt mit der Bolex aus der Hand. Ein Uninformierter stürmt in den Waggon. Jedoch an mir vorbei, dafür reißt er Dustlos einen Film aus der Dose.
Die Häuser sind in schlechtem Zustand, so wie mein eigenes, Telegrafenmasten stehen schief. Der Zug schwingt nach oben und unten und nach links und rechts. Alles ist überdimensioniert: die Schienen sind höher, die Schwellen enger gelegt, die Spur breiter. Unglaublich lange Zuggarnituren liegen auf Nebengleisen vor Anker. Der Prager Schlafwagenschaffner spielt in seinem Kammerl mit einem elektronischen Spielzeug.

 


17. Mai 1995
Fünf Uhr früh in Kiev in einer riesigen Wartehalle. Hier kostet der Eintritt 25.000.- Kupon. 1$ sind 165.000 Kupon. Menschen liegen auf Kunststoffschalensessel herum. Viele rüsten jetzt zum Aufbruch. Spatzen hopsen über das Terrazzo. An der Fensterseite liegt eine Gruppe von Zigeunern. Kinder und Erwachsene. Die meisten ohne Unterlage, direkt auf dem Steinboden. Das Spatzengezwitscher hallt in dem hohen Raum.
5.50 Uhr. Der Saal wird von Morgenlicht durchflutet. Ein kleines Kind weint sehr lange. So lange bis eine ältere Ukrainerin die Roma Mutter durch einen Stoß mit dem Fuß aufweckt. Auch eine andere Frau geht mehrmals ganz unruhig an der schlafenden Gruppe auf und ab. Endlich nimmt die Mutter das Kind, schüttelt es ziemlich ungehalten und nimmt ein Flascherl vom Fenstersims. Das Kind ist total erkältet.


Donnerstag 18. Mai 1995
9.25 Uhr nahe der Metrostation Politehniceskij Institut. Was aber war gestern? Dustlos bricht in die Stadt auf, um ein Hotel ausfindig zu machen. Da wir gegen 4.00 Uhr früh ankommen, wird er wohl bloß müde Receptionisten angetroffen haben. Fahren dann später mit der Metro bis Leninskaja und schleppen das Gepäck ins Hotel Ukraina. Kein Zimmer frei, dafür Bewaffnete auf jeder Etage. Ständiges Kommen und Gehen gestylter businesswomen. Schräg vis-a-vis im Hotel Leningrad stehe ich an der Rezeption bis der Bart den Boden berührt. Die Frau dahinter schreibt unbeeindruckt auf irgendwelche Zettel, telefoniert oder unterhält sich mit Kunden, die des Russischen mächtig sind. Ein Teil der Hotellounge ist zu einem Spielautomatensaloon verkommen. Zurück ins Hotel Ukraine, wo ich Jean-Philippe, einen 20jährigen Kanadier aus Montreal kennenlerne, der auch ein Zimmer sucht.


Freitag 19. Mai 1995
Versuchen eine Druckerei zu finden. Beim Studium des Stadtplans verschlägt es uns ins Lehrermuseum, wo wir gleich nach einer Druckerei fragen. Nach mühsamer Recherche erhalten wir zwei Adressen. Eine in der ul. Vorovskogo und eine in der ul. Artema. Beide Male schlagen wir uns gleich zum Direktor durch, müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass wir uns in einer Grossdruckerei befinden.
Ein Besuch der Botschaft am Vormittag beschert uns unerwartete Überraschung. Mag. Fleischmann empfängt uns nicht, dafür gibt er uns später gute Ratschläge hinsichtlich der Vorbereitung eines Projektes. Im ersten Stock des renovierten Botschaftsgebäudes plaudert man während einer Rauchpause an den offenen Fenstern, derweil wir vor der Sprechanlage in der prallen Sonne schmoren.


Samstag 20. Mai 1995
Bis 13.00 Uhr in der Mefodievskaya. Fahre mit der Metro bis Krescatik und spaziere durch die Andreevskij Spusk. Kunstflohmarkt, Kunsthandwerk, Kitsch. Tonaufnahmen in Krescatik. Tanzende Paare auf dem Marmorparkett einer öffentlichen Brunnenanlage. Aus Passanten sich rekrutierende Sängerrunden. Gitarristen in der weitläufigen Unterführung. Gegen Mitternacht mit der Metro zurück. Nahe der Station Politechniceskij Institut wird vereinzelt irgendetwas noch feilgeboten. Maiglöckchensträusse, Brot in Kunststoffsackerln. Am Markt im Dunklen Pensionisten, die drei Stück rote Rüben verkaufen oder eine Handvoll Eier. Vodka gibt es noch überall. An jeder Ecke ein Vodka Kiosk.



Sonntag 21. Mai 1995
Nicht allzu früh auf. Leider. Immerhin ungestört geschlafen, da ich das Mosquitonetz noch iinstalliert habe.
13.30 Uhr in einem Cafe in dem berühmten Kloster von Kiev. Endstation von Trolleybus 20, der durch Krescatik fährt und beim Hotel Dnjepr abbiegt. Bei der Kassa unvorsichtig gewesen und den fünffachen Preis bezahlt. Vom Turm der Klosteranlage sehr guter Überblick über die Dnjepr Auen und auf mindestens fünf Brücken. Die Metro fährt gerade über eine davon. Hinter den Auen sozialer Wohnbau soweit das Auge reicht, aufgelockert durch unheilvolle Kühltürme und gewaltige Schlote. Aus den Auen steigt der Rauch von Lagerfeuern. Bin vor entsetzlichem Hunger in die Wohnung gerast und habe etwas gekocht. Weizenschrot in Wasser aus der Gegend von San Benedetto. Alsbald wieder aufgebrochen und bei leichtem Mairegen am Prospekt Peremogi auf den Trolleybus Nr 5 gewartet. Neben mir steht ein Mann und liest ein Buch. Wir stehen m Schutz des aufgelassenen Hauptportals einer unbekannten Einrichtung. An der Kreuzung Prospekt Povitroflotskij und Uliza Kosiora in den 2er umgestiegen und bis zum Ploshad Kontraktkova gefahren. Spaziere die Andreevskij Spusk hinauf und gehe dann Richtung Krescatik. Nahe der Hauptpost spricht mich ein junger Mensch an, weil er angeblich etwas Englisch praktizieren möchte. Mache wieder Tonaufnahmen von den anscheinend aus Passanten gebildeten Sängerrunden auf dem geschliffenen Granit der Brunnenanlage. Gehen dann in ein Cafè in der Puschkinskaja. Cafè Wien. Wir sind die einzigen Gäste. Das Cafè ist ganz neu. Es gibt tatsächlich Espresso. Aus dem sound system strömt die Musik von Janis Joplin.


Montag 22. Mai 1995
Warte vor dem Lenin Denkmal Bul´v Tarasa Sevcenko Ecke ul. Krescatik auf Slavik, den ich gestern kennengelernt habe, der aber offenbar verhindert ist. Lange werde ich nicht warten können, denn das Denkmal steht zwischen zwei je dreispurigen Fahrbahnen.
Heute mit Dustlos und Lila, unserer Vermieterin, ins Pressehaus am prosp. Peremogi gefahren. Zwei Trolleybusse sind so gerammelt voll, dass einer davon gar nicht in der Station stehenbleibt, sondern erst hundert Meter danach. Einige Leute rennen trotzdem hin. Danach fahren wir zu einer Adresse, die uns die Botschaft vermittelt hat. Prospekt Nauki. Eine Tagesreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Endloses Umsteigen in Krescatik, denn die Endstation Dzerzinskaja (benannt nach einem Geheimdienstchef der glorreichen Zeit) ist umbenannt worden und natürlich kennt niemand mehr diesen miesen Hund). Endlich dort angekommen, finden wir beinahe nicht aus dem Labyrinth verschiedener Unterführungen. Wir nehmen den Bus Nr. 1, der durch eine wüste Gegend fährt. Autobahnen, sozialer Wohnbau, Busbahnhof. Zu guter letzt finden wir auch Block 17, wo aber ist die Druckerei? Von einem nahegelegenen Kindergarten lotst man uns zu einer schmucklosen ungekennzeichneten Eingangstür. Wir treten in Finsternis ein, ein modernes computerisiertes Bureau, Teppichböden, junge Menschen.

Nahe der Metrostation essen wir in einem riesigen Restaurant, das völlig leer ist, derweil davor tausend Leute von A nach B eilen, und hundert irgendwelche Waren anbieten. Einer davon hat fünf Flusskrebse auf einem Sims des Metro-Abganges liegen und übergiesst sie ab und zu mit Wasser. Fahren zurück ins Zentrum. Wechseln in einem Geschirrgeschäft. Dann fängt es wie aus Wannen zu schütten an. Flüchten in einen weiträumigen Torbogen.

 


Dienstag 23. Mai 1995
Trödle bis nach Mittag in der Wohnung herum. Kaufe für das Frühstück Wasser im hard currency Laden am prosp. Peremogi. Fahren mit dem Trolleybus Nr 5 bis zum Obelisk und warten auf eine Tramway Richtung Ploshad Kontraktovaja im Stadtteil Podol. Die Strassenbahn Nr. 13 endlos überfüllt. Der Platz dort überhaupt ein Treffpunkt für Menschenmassen. Irgendwie gelangen wir nach Podol. Dort wütet gerade ein Trupp des Stadtgartenamtes. Fünf Mann mit auspufflosen Rasenmähern und Motorsensen vernichten auf engstem Raum ein bischen Gras. Angeödet eilen wir in die Umgebung und fallen in ein Cafe, wo wir alsbald von einem internen Soundsystem gequält werden. Das Lokal ist ganz dunkel gehalten, die Vorhänge sind zugezogen, barocke Athmosphäre. Roter Stoff zwischen Holzvertäfelung. Seltsame Vorstellung von Cafè's haben sie hier. Eigentlich sitzt man in Parks herum, an und für sich eilt man ja durch die Stadt.


16.00 Uhr in Podol. Ein Einkaufszentrum und ein Markt, Kioske ohne Zahl. Menschen eilen hin und her. Unzählige Frauen verkaufen irgendeinen westlichen Ramsch, Kleider auf Bügel hängen an ihnen. Manche halten einen Schuh in der Hand oder Zahnpastatuben oder Zigarettenpackungen. Aus den Cassetten Kiosks tönt ohrenbetäubende Kommerzmusik.
Verbringen einige Zeit in der Markthalle und spazieren dann die Andreevskij Spusk hinauf bis zum Historie Museum. Packen dort im Park unsere Einkäufe aus und verursachen ein Picknick.


Mittwoch 24. Mai 1995
Heute schon gegen 8.30 Uhr aus dem Haus. Der Briefmarkenkauf gestaltet sich erwartungsgemäss schwierig. Die Wechselstuben sind noch nicht offen.
10.30 Uhr in der Metrostation Majdan Nezaleznosti Richtung Libidcka. Der Bahnsteig ist gerammelt voll. Spatzen zwitschern. Wie kommen die hierher? In der Endstation warte ich wieder auf den Trolleybus Nr 1. Eine Menschenmenge, die den Bus zweimal füllen würde, hat sich schon angesammelt. Der Bus wird noch gewartet. Ein Oberleitungsbügel wird noch auf der Strasse ausgeklopft.
13.15 Uhr. Inzwischen über Krescatik Richtung Politehniceskij Institut gefahren. Stehe auf der Rolltreppe, eine Lautsprecherstimme verlängert mir den Aufenthalt.
19.00 Uhr. Wieder auf einer Rolltreppe. Die Fahrt ans Tageslicht dauert mehrere Minuten. Bin mit Alexej, dem dynamischen Druckereibesitzer im Casino Budapest, nahe der Kirche zum hl. Wassil, verabredet. Vor der Rolltreppe steht ein Mann, der Dutzende Kugelschreiber und separat dazu Minen in die Luft hält, feilhällt.
0.18 Uhr in der Station Universität. Nur ein Mensch ist noch hier und wartet. Noch nie habe ich die Station so leer gesehen. Der Earth Club im Casino Budapest ist gar furchtbar overdesigned. Ein Eiffelturmnachbau, der sich durch drei Etagen streckt, eine Kremlminiatur, bemalt in der Art der russischen Matrioschka Puppen, die Skyline von New York an der Wand mit fluoreszierenden Fenstern, ein Grossbildvideo, jede Menge Personal in Hot Pants, weisse Säulen, nicht zu vergessen die Freiheitstatue, Stroboskop, Nebelmaschine und einige Rausschmeisser. Was diese dämliche Dekoration an Geld verschlungen haben muss.

 


Donnerstag 25. Mai 1995
Briefmarken geklebt, Wasser im hard currency Geschäft gekauft und zu der von Alexej, dem Druckereibesitzer arrangierten Verabredung mit den Künstlern Valeria Troubina, Tata Savadova und Gorge Senchenko geeilt. Nach mehrmaligem Anlauf finden wir tatsächlich die Wohnung in der ul. Ckalova. Valeria erklärt sich bereit, uns ein Zimmer zu vermitteln. Am Abend sollen wir in ein Kulturzentrum nach Podol kommen und dort ihre Freundin Natasha treffen. Spazieren über die ul. Zitomirskaja Richtung Brama, centre for contemporary art. Sprechen dort mit einem Sekretär, der uns Einladungen zu einem Fest anbietet. Auf der Hauptpost mit unerwarteten Schwierigkeiten konfrontiert worden. Mit Hilfe von Andrej, der zufällig neben mir am Schalter steht und Englisch spricht, auch nicht viel weiter gekommen. Kein Schalter will die 500 sorgfältig adressierten und frankierten Fotografien übernehmen. Letzten Endes schmeissen wir den Stoss portionsweise in einen grossen grauen Briefkasten.
Essen in einem riesigen Buffet einige dubiose Kleinigkeiten wie knusprige Teigtaschen, in denen sich immer Faschiertes befindet. Dabei bin ich auf der Suche nach Vegetarischem. Für Andrej, der von einer Kleinstadt kommt, ist dieses Lokal der schiere Luxus. Wir verabschieden uns und fahren mit der Tramway 62 nach Podol, wo wir alsbald das Kulturzentrum Slavutich erfragen. Eine runde Halle mit einer Galerie. Es spielt eine Rythm & Blues Band, Kartons mit Sekt werden geöffnet, verteilt und dann krachen schon die Korken rundherum. Wir treffen Valeria und Natascha, nehmen ein Taxi, holen in unserer unverschämt teuren Wohnung das Gepäck ab und fahren in den prospekt 40 Letija Oktjabrja. Vom 11. Stock des Wohnblocks sehen wir über die Stadt bis zum vergoldeten Turm im Kloster und bis zu der gigantomanischen Statue mit Schwert und Schild.


Freitag 26. Mai 1995
Gespräche in der Artist's Union. Werde dort mit Leonid Vartyvanov bekannt gemacht, der schon in Wien ausgestellt hat. Er nimmt mich mit zu Freunden, Barbara und Igor, die im Zentrum in einem alten Haus wohnen. Wir trinken Wein aus Moldawien, der wie Martini schmeckt und gehen später in das Atelier von Leonid, welches in einer Seitengasse im Anschluss an eine seit Jahren verlassene Grossbaustelle einer Konzerthalle liegt. Vom Balkon seines Ateliers in einem unbewohnten Altbau blickt man auf die Kronen von Kastanienbäumen. Spazieren dann zu einem Atelier hinter dem Präsidentenpalast in der vornehmen Gegend von Kiev. Gepflegte Gebäude, wenig Menschen auf der Strasse. Leider iist niemand zu Hause.

 





Samstag 27.Mai 1995
15.03 Uhr. Metrostation Majdan Nezaleznosti. Die Rolltreppe fährt gut zwei Minuten. Heute ist ein nationaler Feiertag. Überall in der Stadt soll etwa los sein, angeblich. Natasha ist aus diesem Grunde ins Grüne geflüchtet. Krame bis 14.00 Uhr herum und gehe dann erst ausser Haus.
18.25 Uhr. Majdan Nezaleznosti. Über der aufwendigen Brunnenanlage ist eine gewaltige Bühne aufgebaut, wo ein Folkloreprogramm fragwürdigster Art abgespult wird. Der gesamte Platz wird in einer an der Schmerzgrenze liegenden Lautstärke beschallt. Chöre in allen möglichen Trachten formieren sich, bis hin zu den kirchlichen Uniformierten. Wenden uns befremdet ab und spazieren wieder in die Andreevsky Spusk. Dort wiederum bewegen sich tausende Menschen hinunter nach Podol oder in umgekehrter Richtung. Hunderte Künstler, Kunsthandwerker, Kitschmaler etc stellen ihre Werke in dieser Gasse aus. Mittendrin in diesem Gewühl hat sich ein Performancekünstler einen Bereich mittels allerlei Blechschrott wie Ofenröhren, Weissblechdosen etc Kunststoffruinen und Glasflaschen abgegrenzt. Von Zeit zu Zeit bricht er von diesem Basislager auf in die Menge und zieht an einer Schnur die Ofenröhren, Weissblechdosen und Glasflaschen hinter sich her über das Steinpflaster. Später sehe ich ihn, wie er seine Gerätschaft in ein Haus verbringt. Wir kommen ins Gespräch, können uns aber nicht unterhalten, weil wir in verschiedenen Sprachen reden. Er, oder war es ich, spricht zwei junge Frauen an, die vorbeispazieren, ob sie nicht übersetzen könnten. Dann kommt noch ein Freund von ihm dazu, ein Fotograf. Fedir Tetyanich, der Performer lädt uns in sein Studio ein. Wir spazieren Richtung Krescatik, kaufen an einem Kiosk einige Flaschen Wein aus Moldawien und tauchen dann in eine unabsehbare Menschenmenge, die sich an diesem Abend auf dem Boulevard Krescatik zusammengefunden hat. Eine Zeitlang bewegen wir uns im Strom und biegen dann in eine Seitengasse ab, wo sich in einer desolaten Immobilie das chaotische Studio des Künstlers befindet.