REISEBERICHT BARBARA WEITZER
BOLIVIEN PERU CHILE

„manche will reisen und jede bereut es spaeter warum? weil man nie zurueckkommen kann. eben
davon handelt das gleichnis von odysseus und den sirenen: es hilft nichts, sich an den mast
zu binden, auch als davongekommener erholt man sich nicht von der naehe des fremden“
(Georg Forster, Reise um die Welt mit Kapitän Cook)
Mit diesem Zitat - dem Resumee am Anfang - beginnen die emial-Botschaften von BARBARA
WEITZER, die sich 2009 vier Monate lang durch die Andenstaaten Peru, Bolivien, nördliches
Chile bis hin zum Äquator in Ecuador treiben und von der Energie vergangener und lebendiger
indigener Bevölkerung inspirieren ließ. Barbara Weitzer hat ihre Reise mittels einer
Digitalkamera dokumentiert;
Fotograf KARL KOCZERA hat diese Fotos bearbeitet und zu einer Tonbildschau mit Texten und
Musik zusammengestellt.

 








 












 

Date: Sun, 4 Jan 2009 01:27:18 +0000

hatte schon mein erstes cusceño (heimisches bier) an diesen etwas schalen, suessen geschmack muss ich mich wohl gewoehnen und meinen ersten pisco sour (rum mit lemon und geschlagenem eiweiss) - daran kann man sich gewoehnen, auch den ersten peruanischen wein - ist leistbar und gar nicht schlecht, meine ersten schlapfen schon ruiniert, meine ersten cocablaetter gekaut - uebung als vorbeugung gegen hoehenkrankheit, das erste projekt fuer strassenkinder kennengelernt und gesponsert, dafuer die erste perukarte und die erste gestrickte inkawollmuetze bekommen, die ersten warnungen, wo ich nicht hingehen soll ignoriert, den ersten salsa getanzt, die ersten komplimente fuer tanz- und spanischstil bekommen, die ersten soles an betttelnde inkafrauen verteilt, die erste der 250 prunkvollriesigen katholischen kathedralen von innen gesehen - mit viel gold, aus den inkaschaetzen eingeschmolzen - das war ja eine der hauptmotivationen, um das el dorado zu erobern
hab die ersten tips, wo ich unbedingt hin muss und den ersten stress, dass die zeit viel zu kurz wird
ich weiss jetzt, was smog ist und wie sich verkehrslaerm- und gestank in einer lateinamerikanischen 9millionenmetropole anfuehlt, wie der becher eines spastischen bettlers scheppert, wie ein kolonialbau, der seit 100 jahren nicht renoviert wurde, von innen aussieht, wenn sich die schichten aus lehm und holz voneinander loesen, wie vorhaenge, matratzen und boeden aussehn, die nie gewaschen werden (hier handelts sich um das heim der strassenkinder und nicht um mein hostal, in dessen gruenen innehof ich beobachten kann, dass der zunehmende mond verkehrt rum steht und geht; ueberlegt euch das mal, man schaut naemlich voen sueden und nicht von norden auf die gestirne); ich weiss wo das druckerviertel ist, in dem in hunderten von kleinen verschlaegen die maschinen zum takt von salsa und cumbia klopfen
weiss wie ein obdachloser aussieht, der sich von kopf bis fuss in verdreckte alte plastikfolien gehuellt durch die strasse schleppt, wo die hoehlen sind, in denen die klebstoffschnueffelnden kids wohnen, weiss leider nicht, wo ich gute schuhe finde, aber wo es vegetarische restaurants gibt ........
kurz: ich bin gelandet, ich steck schon mitten drin - kopfueber in lateinamerika


2009 02 01 03:56
aus gruenden der langeweile gibt es heute eine quechua-clase

auch das lateinamerikanische kleingetier ist ganz versessen auf mich (ich erspare uns einzelheiten, wo was welches
mikrotierchen anrichten kann - eine der befindlichkeiten heisst "montezumas rache")
also kuenftig das tun, was hier jeder vernuenftige tourist tut (in mittelamerika war das nicht so heikel): nichts essen, was nicht geschaelt od gekocht ist, keine eiswuerfel, aufpassen dass der frischgepresste fruchtsaft nicht mit wasser verduennt ist, kein cevice - das nationalgericht: marinierter roher fisch, nicht mal beim meer, aufpassen bei den billig 5 soles menues;
ohje! das schmeckt mir gar nicht!
seit einer woche haeng ich in arequipa in der haengematte zwischen palmen und feigenbaeumen im garten des hostals, es hat hier ein klima, wie ewiger mai -
es gibt zugegebenermassen schlimmere orte, um krank zu sein aber schoen langsam wuerd ich gern in die berge fahren; von der dachterrasse sieht man misti und die anderen schneebedeckten 6000er vulkane; es hat hier ein klima, wie ewiger mai

zur abwechslung backpacker-ambiente, vorwiegend europa (aber auch new zealand, canada, um diese jahreszeit kaum amis -thank's god, auch mal argentinien und chile) - der schweizer friseur hat sein equipment mit und ich nutz gleich die gelegenheit; die irren iren bringen schwung in den (durch abendliche saufspiele abgeschwaecht) braven laden, in dem zu fast 100% englisch gesprochen wird (wenigstens die staff ist peruvian) und die leute trotz kursen und buecherstudierens zu fast 100% bedauern, nicht spanisch zu sprechen, weil sie mit der hiesigen bevoelkerung kaum kontakt haben, ausser essen, bustickets, gefuehrte touren und souvenirs shoppen ..)
also die iren legen sich alles rein, was sie kriegen koennen - zuletzt gesnifftes ritalin und sind tagelang am kaktussueppchen kochen; der sam pedro wird mit wasser und zitronensaft aufgegossen, reduziert, angebrannt, verduennt, durchs sieb gedrueckt, um dann festzustellen, dass es sich um einen wirkungslosen 9armigen und nicht um den halluzinogenen 7armigen gehandelt hat - sie erholen sich aber erstaunlicherweise immer wieder von ihren exzessen und kochen dann abends fuer den ganzen laden irisch auf

also, nachdem deutschsprachige buecher gelesen und die akzeptablen DVDs gesehnen sind, weil sich die hangovers in grenzen halten, weil saufspiele aerztlich verboten - hab ich zeit, quechua zu studieren

... uebrigens aerzte: nicht nur nach meinen erfahrungen kann man das medizinische system ueberaus empfehlen, das mit europa durchaus mithalten, wenn nicht topen kann - ein labor ist jeder ordination angschlossen, die ergebnisse sind in einer halben stunde da; nicht wenige lassen sich hier ihre zaehne machen um ein zehntel unseres preises und der gleichen qualitaet

das quechua (kedschua)-woerterbuch hat mir prof. lukas geschenkt, ein ehem. archaeologieprofessor, der jetzt ein strassenkinderprojekt macht - die kids leben am strand eine stunde noerdl. von lima, fischen, stricken kratzige lamaschurwollhauben und laminieren perukarten; ich besuch das buero und die aussenstelle in lima, in der die frisch geangelten kinder untergebracht sind; die juengste drei, die aelteren 12, 13 - auf dem weg, den hoehlen beim ausgetrockneten flussbett, dem stehlen und dem klebstoff zu entsagen; er zeigt mir die auflistungen, was lebensmittel fuer einen monat kosten, medizinische versorgung ist umsonst, aber es sind 3 kinder mit lungenkrankheit im hospital und die inhalationsapparate und sonstige medikamente kosten allein 300$ - er ist am wochenende in lima unterwegs, die produkte auf der strasse zu verkaufen. staatliche hilfe wird ihm versagt und kirchliche lehnt er ab, wegen deren praemisse: erst die mission, dann das fressen und die alphabetisierung; als draufgabe fuer meine spende krieg ich nicht nur das besagte worterbuch, sondern eine kopie einer der vielen wissenschaftlichen zeitschriften, die sich hier stapeln: peru magica - ein leitfaden durch schmanistische riten und natuerliche drogen in den verschiedenen kulturen und regionen perus

die meisten indigenas (etwa 45% der bevoelkerung, was peru zu einem der drei lateinamerikanischen laender mit dem hoechsten indigenen anteil macht) sprechen quechua und leben im hochland - so sie nicht zu den zigtausenden nach einfuehrung des stroms und des fernsehens, der verlockung der schoenen reichen welt folgend, in die grossstadt ausgewanderten und hier in heruntergekommenen resten ihrer trachten dahinvegetierenden armen gehoeren

auch an der kueste, in den grossstaedten trifft man immer wieder mestizos, die noch quechua sprechen, wenn man sie danach fragt - aber meisten heisst es: meine eltern, meine grosseltern koennen es, aber ich weiss nur ein paar worte

quechua gehoert ausserhalb der andendoerfer zu einer der vielen, vom aussterben bedrohten sprachen - langsam beginn ich zu begreifen, warum und warum die jungen sagen: was willst denn mit quechua, mit der sprache kann man ja nix anfangen; ausserdem existiert die sprache fast nur gesprochen und nicht geschrieben; quechua war sozusagen die 'amtssprache' der inka mit ihren vielen regionalen sprachen
die spanischen uebersetzungen fuellen oft 2,3 zeilen - viele worte stammen eben aus einer ganz speziellen, alten hochlandkultur und was es da eben so zu sagen und zu beschreiben gibt - worte aus einer modernen zeit (will sagen: postcolumbianisch) fehlen oder sind aus dem spanischen oder englischen 'einegequechuat'
so die wenigen worte mit anfangsbuchstaben B, D, F, G
BIRDI-PISCQU .. eine vogelart
BUUYAY ... (ver)kaufen
DYUSULPAY = De Dios se lo page = vergelt's gott
FALDIN = falda = rock
GAALLU = gallo = huhn

beliebt sind A, Aa, CH (kehlig, wie deutsch), CHH (dsch) CH' (abgesetzt, kurze pause) CH'ARKI - gesalzenes, in der sonne getrocknetes lamafleisch, eines der alten hauptnahrungsmittel
hab gestern die 500jahre alte eismumie 'juanita' besucht - auch sie hatte in den fast unzerstoert erhaltenen, gewebten taeschchen getrocknetes fleisch, getreide und cocablaetter dabei - ohne coca geht gar nix, schon gar nicht in der hoehe - alle goldfiguren als grabbeigabe und opfer fuer die goetter haben oberhalb des mundes eine ausbeulung der gekauten und unter die oberlippe gesteckten cocablaetter;
'juanita' 13-jaehrig, aus einer reichen familie, hatte die ehre, nach einem 500km langen prozessionellen fussmarsch, nachdem von INKA hoechstselbst die goettlichkeit auf sie uebertragen wurde, auf dem gipfel des 6400m hohen vulkans APU AMPATO - der berg ist der gott - eben diesem und ihrem volk geopfert zu werden - nach der einnahme von chicha, das 2 jahre lang fermentiert wurde und einem schlag auf den hinterkopf - nichts von den grausamen massenhaften menschenopfern, wie sie von mayas und azteken bekannt sind
chicha gibt's noch ueberall - gekochter, schwarzer maissaft - sehr lecker! und die durch frauenspeichel 2-3 tage fermentierte version - geringer alkoholgehalt, auch die kinder kriegen's zur beruhigung
'juanita', wie alle bestatteten in embrionalstellung in erwartung der wiedergeburt, in eine gemustert gewebte rot-gelbe lamawolltunica mit silberner fibel gehuellt. weitere opfer- und grabbeigaben: goldene lamas, goldene pueppchen, fein bemalte tonschuesselchen mit entenkoepfen (leben in den 3 welten: himmel, erde und wasser)
sie wurde 1995, neben 4 andern mumien nach einem vulkanausbruch des benachbarten berges und dem abschmelzen des gletschers vom eis frei gegeben - eine der wenigen erhaltenen funde der inkazeit.
alles inka gold - unglaubliche schaetze einer auch kuenstlerisch hoechst entwickelten kultur - eingeschmolzen, pappt jetzt auf dem kitschigen stuck der ornamente in einer der tausenden prunkvollen kirchen und kathedralen

die kuenstler wurden im 17.Jh auf katholisch umgeschult und hatten ab sofort italienische kirchenkunst zu malen und in stein zu hauen - jedoch nicht immer zur vollsten zufriedenheit der auftraggeber - die indianer konnten's nicht lassen und haben in die heiligenbilder mehr oder weniger geheim ihre botschaften eingefuegt: die heilige inkablume, der heilige vogel, der regenbogen, der heiligenschein = inti, die sonne, die mondsichel, das zur schlange geformte 'S' = sklave, eine dunkle, schmerz- und wutverzerrte silhouette des kuenstlers selbst
der nackte gekreuzigte jesus widerstrebt jeder moral und hat ueber der unterhose ein weisstransparentes, bis zu den knien reichendes spitzenroeckchen an; der auftrag der 'llama' - der feuerkrone auf mariens haupt unter der statue pizarros wurde missverstanden: nun traegt maria ein lama auf dem kopf - laesst sich nun mal nicht aendern; das damals nicht bekannte schaf an der krippe sieht aus wie ein meerschwein mit langen beinen

CUY - das meerschwein .. ich geb's zu: ich hab noch keins gegessen (in dieser gegend auch nicht ueblich)

also weiter im text

K,KH, K' (abgesetzter klick) L,LL, und besonders beliebt das Q, QU - QUCHQU - schoenes wort, gel = eng
QH, Q'

zum abschluss der quechuastunde noch ein paar nuetzliche alltagsworte

PILPINTU = schmetterling
PICHUY = cocablaetter kauen
P'ALQA CHAKI = der, der 6 zehen am fuss hat
IÑIRIY = beginnen, zu glauben (ahja - klingt nach langsam erfolgreicher missionierung)
IPHI = maiskorn, das nicht gekeimt hat
CHUNCHU = bewohner des urwalds, sehr duenne person
CHACHU = krankheit, die kinder befaellt, wenn sie in der einschicht leben
CHAKUKUQ = Person, die dafuer zustaendig ist, tiere zu fangen, die die aussaat zerstoeren; jaeger

switch in die gegenwart:
arequipa (ari-quepay = hier bleiben wir) 2.300m ist die geheime haupstadt perus; pizarro hat man reingelegt, als man ihm riet, lima ebendort am meer zu errichten - es war einer der wenigen monate, in dem die gegend nicht in graudunstigtristen nebel gehuellt war - mitten in einer steinwueste;
arequipa hat eine wunderschoene lage, 2 stunden bis zum meer und nahe der berge, genug wasser! nicht zu heiss, alles gruent, wirkt geputzt, der verkehr ist ertraeglich, im altstadtzentrum erstrahlen die gepflegten kolonialbauten im weiss des silla (ein vulkangestein); eine europaeische nostalgie ist unuebersehbar und hat unleugbar ihre vorteile - nicht nur das exklusive cafe' (endlich richtiger kaffe und nicht instant-g'schloder) UND karrotteenkuuchen! mit fetter caramellglasur - ma, wie lecker! es geht mir eindeutig besser, ich hab auch wieder HUNGER
ich mein, zu europaeisch darf man sich's auch nicht vorstellen, der stadtrand voller slumsiedlungen; am markt im zentrum - es is immer wieder so beeindruckend! gigantische staende mit aufgestapelten fruechten, gemuese; kartoffeln und mais in allen farbschattierungen, gewummel, rinderhaelften, gedaerme, ziegenkoepfe, die kaesestrasse, die blumenstrasse, die kunstvoll getuermten oliven, die fischstrasse, die strasse mit den fruchtsaeften - als besondere spezialitaet kann man sich einen lebenden frosch mitmixen lassen - ist wahrscheinlich recht proteinreich - und rund um den markt, das kleiderviertel, das taschenviertel, das CD viertel, alles, alles in tausendfacher ausfuehrung; nachdem ich zigmal hin- und hergeschickt wurde, und die hoffnung schon fast aufgegeben hab, werd ich endlich fuendig: bei den gruenen standln, frische kraeuter, tee, amulette, minialtare zum umhaengen - hier kaufen die curaderos, die heiler ein und hier (und nur hier) gibt's meine ZIGARETTENMARKE
weil sie nur noch von heilern verwendet wird - als zu stark in verruf geraten, schwarzer, purer, chemiefreier tabak, und extrem billig noch dazu - viele peruaner kennen ihre alte marca INKA gar nicht mehr (das malboro und lucky strike zeug ueberschwemmt den markt) - eh schon wissen, die A3er, die spanische CORONA .. und wissen nicht, dass es INKA auch mit filter gibt - ich mache werbung gegen das verschwinden der INKA

der naechtliche streifzug durch die discos bringt auch ueberraschendes zutage: ceasar erzaehlt in schoenstem deutsch von seinem aufenthalt in stuttgart - eine auslandsreise mit der klasse der deutschen schule, bodensee, passau, koeln, berlin, studiert BWL und steht auf die deutsche gruendlichkeit und ordnung, vielleicht wandert er mal aus - ok, lass uns tauschen - aber ganz sicher sind wir uns letztlich doch beide nicht; die peruaner wissen sehr wohl, was sie trotz armut und sehr eingeschraenkter moeglichkeiten an ihrem land haben - tranquillo, bonito, relaxed, laissez-faire - einfach chevre! aber einmal nach europa kommen gehoert zum traum von vielen - je weisser, um so mehr; dass sein name und seine vorfahren moeglicherweise aus deutschland kommen, waer dem intellektuellen 'chugo' mit der dicken brille noch nicht in den sinn gekommen, ich versuch, ihm das tonlose h beizubringen HHHHHHHHHUGO
- das klappt nicht recht; er ist der guru der kleinen aber feinen electronic-szene, die sich auf der dachterrasse des DEJA VU trifft, mit einer ausgewaehlten CD sammlung und stolzen 4 venyl! das fasziniert mich auch immer wieder - bei uns ist die vergangenheit und die herkunft so wichtig, hier spielt es ueberhaupt keine rolle, keinen interessieren seine wurzeln - die europaeische sehnsucht ist aber dennoch vorhanden
die fernanda mit den blaugruenbraunen sagt: ichch war in maria alm! auf winterurlaub mit ihrer freiburger aupair-familie

im 4stoeckigen FORUM gibts alles vom dichtgedraengten raggatongewummel im erdgeschoss ueber rock und salsa bis zur RETRO-bar unterm dach mit herrlichem ausblick auf die lichter der stadt - heut ist lady's night - kein eintritt fuer damen, da muss frau mal schnell ueberall reinschauen; im AL BALDE (70er - 90er) wird der Jamaica - Pisco, Rum, Mango mix aus kuebelchen mit 20 strohhalmen getrunken; im DEJA VU unten live musik und dann ein durchaus interessanter latintecno mit lightshow; waehrend wir tanzen, wird dem migelangel seine harmonica gestohlen; sowas kann nur in lima besorgt werden; beim morgigen reggaekonzert muss er mit dem sax spielen;
wenn mich so ein mittzwanziger anbaggert, ruscht mir beim zweiten taenzchen raus: 'Te digo algo!' - ich sag dir was! - erwartungsvolles: QUE¡¡?? 'soy abuela' - ich bin grossmutter - "no importa, que chevre abuela eres, que precisiosa, siempre tengo la phantasia de tener una mujer alta" - und warum ich das erwaehne?
dann erzaehl ich von meiner wunderbaren, schoenen tochter mit ihren roten dreads und denn klaren blauen augen, die wie sterne strahlen, weil sie so sauber lebt und kein fleisch, keine milch und keine eier isst - hay, que, bueno! - ja, es ist gut
und - verzeih mir den ausdruck: die welt, oder zumindest ihre seele zu retten versucht - que bueno! was sonst sollten wir mit diesem unserem leben anfangen?
und von meiner aussergewoehnlichen, energiegeladenen enkelin mit den braunen augen, die ihrer mutter (und nicht nur der!) gas gibt und noch viel mehr geben wird und sie erdet
manchmal hab ich meine kamera mit und kann eure fotos zeigen, Yuna im krankenhaus, als sie den knopf verschluckt und mir zum abschied dann doch noch im alten jahr herausgegackt hat
- und ich bin so stolz auf euch und es ist so schoen, euch (aneinander) wachsen zu sehen
la mamasita


2009 02 07 21:17
heut sind die frauen von maca schon etwas wackelig auf den beinen - sie tanzen schon den dritten tag den wititi (wuititi), das bier fliesst kontinuierlich, der kanister mit dem anisschnaps und die karraffen mit dem frauenspeichelfermentierten mais chicha werden herumgereicht; alles huepft und dreht sich in den reich bestickten roecken, blusen und hueten - zum feiertag auch die maenner in traditioneller tracht, ebenfalls in roecken, mit einem befransten deckelhut; die perlenbesetzten hutbaender reichen ueber kinn, mund und nase

gestern zur prozession ging es noch gesitteter zu - zu lichtmess wird die jungfrau de candelaria feierlich auf ihrer vergoldeten bahre aus der kirche getragen, kippt im ausgang, ihre krone und der sombrero des kindes verrutschen und werden fuersorglich wieder trapiert; der mongoloide darf, das eukalyptusraeucherfass schwenkend, vorangehen;
die frauen tragen heute in ihren bunt gewebten tragetuechern nicht nur ihre kinder oder - wie im alltag tierfutter und brennholz - sondern fruchtbarkeitssymbole: blumen, brot, puppen, luftballons, mais; die blaskapelle stimmt einen trauermarsch an, der wohl feierlich klingen soll, an jeder ecke des dorfplatzes werden wenig enthusiastisch mariengesaenge zum besten gegeben; nach dem dritten eck, bevor alles in langeweile wegzudriften droht, verfaellt alles in den wilden wititi und man huepft und dreht sich zurueck zur kirche: grosse trommeln, snares und die 2 blasmusik sections (stolze 30 bis 40 mann) - die tuben und die trompeter, die abwechselnd 8 takte des ewig gleichen gsetzerls spielen - stundenlang, tagelang;
auch gruppen aus den umliegenden doerfern sind angereist, ebenso die, nach lima oder arequipa abgesiedelten familienmitglieder und sogar aus oesterreich kommt man schon zum festival; ich ge'bs auf zu beschreiben, wo zum teufel das zu finden ist - ein einfaches 'europa' genuegt als herkunftsbezeichnung
abseits einige alte frauen, mit gesichtern zerfurcht, wie die berge und fast blaublinden augen, beobachten nicht nur die prozession, sondern auch mich mit einiger skepsis; die leute sind auch hier offen und freundlich, aber doch etwas zurueckhaltender, es dauert ein paar bier, bis die frauen mit mir tanzen, dann werd ich aber schnell zur lebensfreundin erklaert - spaetabends kommt die elektrocumbiaband zum zug, dass sie schrecklich falsch singen, faellt auch anderen auf, spielt aber keine rolle, in kleingruppen wird eifersuechtig um die bierkiste, die schliesslich ein kleines vermoegen kostet, herumgetanzt; die bierflasche und der becher werden reihum nach rechts weitergereicht, die vorderfrau schenkt jeweils der naechsten ein, der duft der eukalyptusbaeume liegt schwer ueber den tanzenden
mein oranger filzhut schuetzt nicht nur gegen den immer wieder einsetzenden, aber weitgehend ignorierten regen, sondern laesst sich auch den regionalen gegebenheiten anpassen - krempe hinten nach oben und ueber der stirn nach vorn gekippt

heut vormittag bin ich schon von der band geweckt worden, die im garten verkoestigt wird - es gibt alpacasuppe und alpacaeintopf (von wegen sauberes touristenfutter - ich kann ja nicht tagelang nichts essen); der garten prangt vor bluehendem gemuese und blumen in allen farben, die fetten ringelblumen blenden in der sonne, die berge sind in zartes gruen getaucht, es ist regenzeit.
das colcacañon, 120km lang, mit 3200m the deepest in the world, die orte auf 3.500m, manche davon nur zu fuss erreichbar - ich spuer schon hier die hoehe ganz betraechtlich - erinnert mich sehr an (das alte) gomera - die berge sind bis hoch unter ihre schneebedeckten gipfel und bis tief hinunter ins tal quergestreift - terrassenbau schon aus der praeinkazeit, noch vielfach genutzt; auf den feldern, die durch kaktusbewachsene steinmauern abgegrenzt sind, grasen schafe, lamas, pferde - in den matschigen strassen bewegen sich schweine, hunde und esel; steinhaeuser, lehmbeschichtet, autos gibt es keine

in cabanaconde geht mir das geld aus (hab mir einen poncho geleistet und bin laenger geblieben, als geplant) und ich bekomm einen hauch dessen zu spueren, was hier alltag ist - um jeden centimo feilschen, 15 soles fuer das busticket muessen auf jeden fall bleiben - alles berechnen und auf das notwendige und billigste reduzieren, die zwei schweizer sind trotz aussicht auf baldige telebankingueberweisung nicht bereit, einer 'halbfremden' 7 EURO zu leihen, die dorfbewohner laden mich zu essen und trinken ein - viva el capitalismo! in chivay protestieren die bauern verzweifelt gegen die privatisierung des trinkwassers

 



2009 03 24 20:25
ich bin ja nur mit der schwarzen trommlergruppe mitgelaufen ...
und unvermutet dabei, das rathaus von La Paz zu stuermen ...
es ist freitagnachmittag und faschingsbeginn
eine bunte truppe huepft durch den rathaussaal, europaeisch glitterflitterverkleidete, sowie afrikanische trommler und taenzerinnen, die von den indigenas abgeloest werden - in der mitte des saales bringen sie in brennenden schalen ihre raeucheropfer, sie singen mit erhobenen haenden ihre gebete zu pacha mama und vergessen auch nicht, den presidente und die minister miteinzuschliessen

ich wohne uebrigens im viertel der hexengeschaefte: in und vor den haeusern stapeln sich raeucherwerk, tees, zigaretten, kraeuter, samen, pillen, pulver, steine, salben, talismane, geschnitzte statuen, zaubermittel zum anziehen von geld und liebe und abwehren von boesen geistern und krankheiten; weiters schlangenhaute, katzen- und ziegenkrallen und vogelschwingen, sowie getrocknete lammbabys und lama-embryos die in die 4 hausecken eingemauert werden; auf nachfrage eine ruede abfuhr: ich kauf das auch so, ich weiss nicht, woher die embryos kommen; eine nachbarin erklaert, dass man beim schlachten eben manchmal nicht weiss, ob das lama traechtig war; auf jeden fall eines der maechtigsten instrumente der heiler, der curadores - ich geb mich mit zigaretten und dem palo santo, dem suessholz zufrieden.
vor den brucherias brennt das palo santo rund um die uhr, grosse rituelle feuer werden aufgestapelt und mais und cocablaetter verbrannt, sowie suesser wein versprengt und kistenweise das bier geschuettelt und ueber dem feuer verspritzt:
der carneval in la paz, der hoechstgelegenen hauptstadt der welt, ist eine bunte mischung aus fasching und neujahrsbraeuchen; die strassen fuellen sich mit einer dritten reihe: vor den unzaehligen geschaften und restaurants - in der 2. reihe die unzaehligen strassenstandeln mit avocados bis zahnbuerstel und davor nun im gedraenge die standln mit gluecksbringern und masken und faschingsklamauk - besonders beliebt die luftballonwasserbombe und die grossen spritzpistolen, getoppt von den schaumsprays und die gegenmittel: regenhaeute und schirmmuetzen; jetzt koennen die umzuege und die wasser- und schaumschlachten beginnen; niemand wird verschont, ausser der policia und die mamaitas in ihren weiten roecken und hochsitzenden melonen, die aber ihrerseits auch mal gern zum schaumspray greifen

in diesem gewummel fuehl ich ploetzlich eine bewegung an meiner umhaengetasche - in sekundenbruchteilen check ich, dass mein geldtascherl fehlt, seh es zwischen einer frau und einem mann durch die luft fliegen, geb diesem einen rempler, zieh mein tascherl unter seinem fuss hervor und entlasse ihn mit einer kraeftigen beschimpfung - das paar verschwindet in der menge und hat, so wie ich, noch einmmal glueck gehabt - diebstahl ist ein schweres vergehen.
grossteils haelt man sich an die alten inkagebote: AMA SUWA, AMA LLULLA, AMA QUELLA - nicht stehlen, nicht luegen, nicht faul sein

besonders der bezirk puno ist bekannt fuer seine sicherheit und beruechtigt fuer die selbstjustiz, die bei diebstahl verstuemmelungen miteinschliesst

der carneval loest ohne unterbrechung die feier der virgen de la candelaria ab, die irgendwie auch die jungfrau maria und doch auch wieder nicht ist und eigentlich zu lichtmess oder doch vielmehr fasnacht stattfindet und oft viel mehr carneval als der carneval selbst ist - so zB in puno am titicacasee, wo die zweiwoechigen candelariafeiern ihren hoehepunkt in einer 14 stuendigen parade mit 300 gruppen erreichen:

ein unglaubliches ethnogewirre und -gemisch
ich entdecke elemente von perchten: die diabladas, die riesige masken aus gedrehten hoernern tragen, wiewohl transformiert in neonfarbenens plastik im starwar-stil, auch ratschen sind zu finden und gloeckner; ich frag alex nach der herkunft des brauchs: die virgen de candelaria ist die schutzheilige der minenarbeiter (und hat somit auch elemente der hl. barbara). minen gibt es viele in peru, das reich an bodenschaetzen ist (gold, silber, kupfer, zinn ...) und neben den gefahren von grubenungluecken, in den tiefen die daemonen - die daemonen werden aber nicht (wie ich vermute) durch die glocken vertrieben, sonder die glocken rufen die candelaria herbei, die dann ihrerseits die daemonen vertreibt

die morenas - mit riten afrikanischer herkuft in zotteligen baerenkostuemen mit ketten durch die nase; auch eine form der aufarbeitung der schwarzen sklaverei, die begann, als die arbeitskraft der indigenas durch minen- und bauarbeiten und eingeschleppte krankheiten drastisch reduziert war; allerdings sind in den andenregionen, fern der karibikkueste, schwarze eine sehr kleine minderheit

die rituale der indigenas in ihren bunt gemusterten, phantasievoll aufgepeppten trachten sind leichter zurueckzuverfolgen; die zampoñeros spielen und tanzen fuer pacha mama mit den 2 und 3 reihigen bis zu 1 meter hohen panfleoten, die ihre melodie im stacattohaften zusammenspiel ergeben - wiewohl auch sie vor der statue der virgen candelaria in wildem rhythmus auf die knie fallen

ein paar wenige gruppen kommen in ihrem uralten traditionellen outfit mit bemalten gesichtern, gekleidet in fell, mit pfaehlen, auf denen tierschaedel und ausgestopfte raubvoegel bis hin zum condor thronen

es wird rund um die uhr getrommelt und gepfiffen, getrunken und getanzt
nachts finde ich mich auf einer feier in 2 grossen saelen, in denen die bands um die wette spielen - wenn ich denk, es ist vollgestopft, irre ich mich; es treffen immer wieder neue gruppen ein, und alles spielt durcheinander;
es ist mir ein raetsel, woher die unerschoepflichen bierkistenvorraete angekarrt werden (bar gibt es keine); ich bin aber ohnehin gut versorgt, undefinierbare rote, gelbe und schwarze getraenke im plasikbecher werden mir unter die nase gahalten - ein ablehnen gilt als aeusserst unhoeflich;
die katharina in ihren traditionellen mamaitazoepfen und -roecken (heute in silber und hellblau) hat mich zu ihrer busenfreundin auserkoren, jeder fluchtversuch ist chancenlos und jede hoffnung, sie wuerd doch dann mal einschlafen, vergebens; ihr mann erzaehlt mir alle 10 minuten beglueckt, dass das seine frau und freundin ist; ich muss ihre melone aufsetzen und bis ins morgengrauen tanzen und trinken; `con tigo, con tigo´! - mit dir will ich trinken

la barbara


2009 04 03 03:39
fotos in der reihenfolge ihres erscheinens:

la patria:
chincha, black community

la costa:
panamericana / wueste
armenfriedhof
mumien von chauchilla
huacachina - oase in der sandwueste
sandboarding
islas balestas / halbinsel paracas
linien von nazca


2009 04 09 01:39
gruen
GRUEN!
wiese, dahlien, gladiolen, ringelblumen, kapuzinerkresse, lupinien, loewenmaeulchen und -zaehne, ... mei so schee
der lago titicaca, die MAMA KOTA, liegt auf 3800m und ist der hoechste schiffbare see der welt;
er ist 13 mal so gross wie der bodensee (falls das wem was sagen sollte)
"die luft wirkt hier oben auf eine magische weise klar, wenn das blendende sonnenlicht den altiplano ueberflutet und sich im tiefen wasser bricht; der horizont erstreckt sich fast bis ins grenzenlose ... " (sagt mein reisefuehrer und ich muss ihm recht geben)

die inseln im lago haben trotz der hoehe ein mikroklima, in dem alles blueht, waechst und gedeiht es ist das schoenste aprilwetter - heisse sonnenstunden wechseln sich ab mit dunklen wolkenfronten, stuermen und hagelgewittern, die ich so noch nicht erlebt habe und kalten, windigen naechten; liebe leute, ich friere mehr als ihr - denn so was wie heizung kennt peru nicht, ganz selten mal ein oefelchen oder ein offenes feuer

ich bleib ein paar tage auf der insel amantani - und koennt mir gut vorstellen, hier laenger zu leben - pura natura.
hier ist die wiege der INKA: der gott Con Ticci Wiracocha stieg aus dem titicacasee und erschuf die sonne und die welt und die menschen; er setzte seine tochter Mama Occlo und seinen sohn Manco Capac auf der Insel Amantani aus, vermachte ihnen einen stab aus gold und sagte: "geht wohin ihr wollt ... wenn der stab in der erde stecken bleibt, lasst euch nieder und regiert die voelker mit gerechtigkeit, vernunft, duldsamkeit, liebe und milde"

ueber die friedliche durchfuehrung dieses plans gibt es unterschiedliche auffassungen - tatsache ist, dass alle zahlreichen kulturen von den inkas unterworfen und ihnen ab 1438 deren sonnenreligion und die sprache quechua aufgezwungen wurde - lediglich die Aymara im suedlichen peru haben als einzige im inkareich, das von ecuador bis zum noerdlichen chile reicht, ihre sprache bis heute erhalten und die uros fluechteten sich auf schilfinseln im titicacasee

diese inseln wurden fuer den tourismus wiederaufgebaut - und sind dennoch faszinierend und weltweit einzigartig; einige hundert menschen leben hier schwimmend auf kleinen inseln aus totora; die huetten sind aus totora, die boote sind aus totora, die betten und sessel sind aus totora, die fischreusen sind aus totora, brennmaterial ist totora, die oefen sind aus - natuerlich nicht totora, sonst wuerden sie verbrennen - aus lehm, und JA: man kann totora essen; auf jeder insel gibt es ein 4 m2 grosses beet - auf dem nicht totora, sonder gemuese angepflanzt wird; es ist ein eigenartiges gefuehl, auf dem wasser treibend, zu schlafen
die inseln werden an land vorgefertigt - bloecke aus den schilfwurzeln werden zusammengebunden und dann schichtenweise mit schilf bedeckt; es muss alle sechs monate ausgewechselt werden, weil es sich mit wasser vollsaugt und sonst zu schwer wird und die inseln versinken wuerden
fuer die boote wird das schilf zu rollen zusammengepresst und zu paketen verschnuert, mit spitzem bug und heck; mit so einem boot segelte Thor Heyerdahl in 100 tagen ueber den pazifik nach tahiti, um die these von der herkunft der polynesischen kultur von altperu zu beweisen

zurueck zur insel amantani: die amantaneños sind zivilisationsverweigerer - leben wie seit jahrhunderten
es gibt keinen strom und nichts von alledem, was dazugehoert
obwohl .. eine strassenbeleuchtung gibt es - der generator wird aber nur zweimal im jahr (zu weihnachten und zum inselfest) angeworfen ... er macht so viel krach - auf einer insel, auf der es keine motorengeraeusche gibt; nur wenige fahhraeder bilden einen fahrbaren untersatz, der einen auf den trampelpfaden und den steilen steinstufen aber auch nicht weit bringt - zu hoeren sind schafe, esel, hund, wind und kinderlachen

das mit dem gas hat man ausprobiert, aber dann wieder sein lassen - es ist nicht nur teuer, das essen schmeckt einfach nicht so gut, wie aus der rauchkuchl ueber dem offenen feuer
ich lass mich von kasimira und ihrer tochter mathilda mit der leckeren gemuese- und quinuasuppe und den kraeutern aus dem garten bekochen
frischer muña- und eukalyptustee; eukalyptus ist der einzige baum, der hier waechst - mit seinem holz wird gekocht, es verdampft seinen geruch im feuer, die samen verspruehen ihren duft in der sonne

die alte kasimira deckt mich liebevoll mit ihren gewebten decken zu und erzaehlt mir was auf quechua; manchmal heult sie mir was vor und ich troeste sie auf oesterreichisch; ihre muttersprache ist aymara - spanisch kommt ihr kein wort ueber die lippen

die familie - die frauen und der alte valentin - gehen im morgengrauen auf ihre kleinen chakras und pflegen sie mit viel hingabe - neben den blumen wachsen in miniaturmischkultur in bunter eintracht gemuese, getreide (zB die alte sorte quinua), mais und kartoffel: die blueten haben jeweils die farbe ihrer knolle: dunkelviolett, blau, gelb, weiss -
die kartoffel, der exportschlager aller zeiten. peru isst kartoffel - es gibt hier 2800 registrierte sorten, vom gott (weiss nicht wie, wahrscheinlich INTI hoechstpersoenlich) dem ersten inkaherrscher Pachacuti Inca Yupanki anvertraut und im lauf der jahrzehnte und jahrhunderte, dem entsprechenden kleinklima angepasst, kultiviert

trotz soroche und atemnot steig ich taeglich die 300m zu den zwei huegeln mit den tempeln pacha tata (inti, die sonne) und pacha mama und sauge die inkaenergien, die landschaft und den sonnenuntergang; die riten fuer pacha mama und inti sind ueberall lebendig - wenn auch meistens mit christentum verwoben

abends werden die touristen in die hauseigenen trachten gesteckt und muessen sich ihre folklore selbst machen

ein bisschen neumoderne zivilisation gibts auf der insel natuerlich schon - vereinzelt ein handy und ein transistorradio, die plastikflasche (und die regenrinne aus der plastikflasche), die thermoskanne, das wellblech, das das strohdach fast zur gaenze abgeloest hat und das wellblechplumsklo

das getreide wird von den frauen haendisch mit steinen gemahlen;
der alltag der frauen unterscheidet sich - wie koennt es anders sein - weiters durch das kochen (was den vorteil hat, sich im einzigen warmen raum aufzuhalten) und das stricken; ich weiss nicht, ob es gegenden gibt, wo so viel gestrickt wird, wie in den anden - neben handschuhen, jacken, pullovern und socken allen voran die beruehmte bunte muetze - mit und ohne ohrenlappen, von denen es myriarden, aber nicht zwei mal die selbe gibt und die von vielen einheimischen und noch mehr touristen getragen wird

anders auf der nachbarinsel taquile: hier huepfen die frauen, ihre spindel drehend, ueber die steilen inkastufen - die beruehmtesten und schoensten handgewebten stuecke kommen aus dieser gegend; die textilien haben den status des UNESCO welterbes
UND - ich habs mit eigenen augen gesehen:
die maenner mit ihren schlafmuetzenaehnlichen, fest geknuepften kopfbedeckungen laufen immer und ueberall mit dem strickzeug rum!

ganz lateinamerika steht uebrigens im morgengrauen, wenn nicht davor, auf - und geht entsprechend bald schlafen; es gibt wohl eine mittagspause, aber die ausgedehnte siesta hat sich nicht durchgesetzt; sehr wohl aber - ihr koennt's euch vorstellen - ein entspannter arbeitsrhythmus - wenn nicht heute, dann mañana; die hohe kunst des im HIER UND JETZT leben

waehrend ich in einem kleinen dorf am see auf den bus warte, springt mir ein schild ins aug: "pro mujer - donde cuenta tu palabra", "fuer die frau - wo dein wort zaehlt"; ich gesell mich zu den mamaitas, die vor dem buero auf der strasse sitzen; es ist die gruppe st. antonio - eine der vielen kleingruppen, die einem netzwerk angehoeren, das es im ganzen suedlichen peru (und weltweit in entwicklungslaendern) gibt; sie helfen sich gegenseitig bei der herstellung und vermarktung von produkten und erhalten die beruehmten kleinkredite (die soweit ich mich erinnere zu 90% von frauen genutzt werden und fuer deren erfindung ein inder den nobelpreis bekommen hat)
frau ist auch am export und internationaler vernetzung interessiert ... aehm .. nicht, dass es fuer gestrickte marienkaefer in europa keinen markt gaebe, aber ... man muss sich mal die ganzen transportkosten und alles drumherum vorstellen .. das leuchtet ein

die indigenas nennen mich señorita, amiga, mama, mamasita oder mamatai


2009 04 23 03:13
DIE WÜSTE IST UNBESCHREIBLICH
... drum versuch ich´s erst gar nicht
aber ich schick euch bilder
fotografieren laesst sie sich auch nicht leicht . zumindest nicht mit einer kleinen digikamera
ihr seht: reise durch bolivien und ueberquerung der cordilleren nach chile in die atacamawueste mit dem jeep
nach 2 tagen bin ich ausgestiegen und mit einem zelt an einer lagune auf 4000m geblieben, zeitweise hat mir der sturm um die ohren gepfiffen, dass ich kaum atmen konnte
in bolivien, einem der aermsten laender lateinamerikas, gibt es kaum asfaltierte strassen . hunderte von kilometern rumpelpiste, die sich jetzt in der regenzeit in eine schlammtrasse verwandeln; ueberall bilden sich seen und fluesse, die busse fahren im convoy um sich gegenseitig aus den furten zu ziehen

zugfriedhof bei UYUNI, bolivien

die salzwueste von uyuni
16.000 km2 und die groesste der welt - optisch irgendwie wie meer, aber auch wie ein gletscher - ein ausgetrocknetes meer.
in den kuestenregionen, wo das regenwasser stehenbleibt, entsteht bei sonnenschein ein optimaler spiegeleffekt, der horizont verschwindet, oben ist gleich unten, ein gefuehl wie im himmel

die inseln in der salzwueste scheinen zu schweben
sie haben ein einzigartiges mikroklima. auf der fischinsel wachsen gigantische kakteen - bis zu 12m hoch und 1000 jahre alt

die cordilleren, die hier beinahe pflanzen- und tier- und menschenlos sind; die lagunas, die im wind die bunten berge in allen farben widerspiegeln, ohne fische, aber mit flamingos die sich von mikroorganismen ernaehren

die dahliwueste, alle pastellfarben, wie gigantische sandbilder hingeschuettet

keine fotos (leider) von den geysiren - so schoen kann der arsch der welt sein - furzfontaenen, die aus der erde pfeifen, heisser schlamm, der in rot gelb gruen und kaki aus den loechern kocht, kriecht und sprudelt, hoelle und schwefel aber auch

immer wenn du denkst, diese landschaft ist nicht zu ueberbieten, kommt was anderes, neues, einzigartiges daher
mondlanschaften in allen farben ziehen vorbei
ein bad in den thermalquellen
2 stunden weiter und 2000m tiefer in der atacamawueste bei san pedro ein bad in einem salzloch, das zwar klein, aber 1600m tief ist, effekt wie im toten meer. ein paar kilometer weiter wieder ein loch in der erde aber im suesswasser - ich kapier das nicht, unter der oberflaeche scheint ein meer zu sein, aber wo kommt das suesswasser her?
valle de la luna zu vollmond - DIE trockenste gegend der welt; stein-sand- zauberlandschaft, die im abendrot ihre farben alle minuten veraendert
... eben unbeschreiblich
la barbara